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Mein Jakobsweg: Im eigenen Rhythmus bis ans Meer

Im Sommer 2011 führte mich der Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port über den Camino Primitivo bis ans Meer. Ein Reisebericht über eigene Etappen, Begegnungen und rund tausend Kilometer zu Fuß.

Regenvorhänge ziehen unter dunklen Wolken über eine Berglandschaft.
Regen über den Bergen. Unterwegs auf dem Jakobsweg, 2011.

2010 lag ich nach einem Snakeboardunfall im Krankenhaus. Meine Mutter brachte mir „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling mit. Rund tausend Kilometer zu Fuß durch Spanien? Für mich war das damals kaum vorstellbar. Trotzdem ließ mich die Idee nicht mehr los.

Nach meiner Genesung kaufte ich Rucksack, Wanderschuhe und Stöcke und begann, den Taunus zu Fuß zu erkunden. Für die langen Anstiege in den Pyrenäen lief ich manche steilen Wege mehrfach hintereinander. So ganz konnte mir das die Sorge vor der ersten Etappe allerdings nicht nehmen.

Im August 2011 flog ich von Hahn über London nach Biarritz und reiste weiter nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Schon im Flugzeug saß jemand neben mir, der dasselbe vorhatte. In den ersten Tagen sollten wir immer wieder gemeinsam unterwegs sein.

In der Nacht vor dem Aufbruch gewitterte es heftig. Am nächsten Morgen meldete ich mich im Pilgerbüro an und machte mich mit vielen anderen auf Richtung Roncesvalles. Vor keiner Etappe hatte ich mehr Respekt.

Dann kam die Überraschung: Ich bewältigte den Weg viel leichter als erwartet. Die Vorbereitung im Taunus hatte offenbar mehr gebracht, als ich mir zugetraut hatte.

Schon bald fand ich meinen Rhythmus. Oft ging ich zwischen 36 und 42 Kilometer am Tag. Dabei fiel mir auf, wie stark die Etappenvorschläge im Wanderführer den Betrieb bestimmten. Gegen Mittag warteten vor manchen Herbergen bereits die Rucksäcke stellvertretend für ihre Besitzer.

Ich wollte meistens noch weitergehen. Also verschob ich meine Tagesziele gegenüber den vorgeschlagenen Etappen. So fand ich problemlos ein Bett und lernte ständig neue Menschen kennen. Manche sah ich nur einen Abend, andere begleiteten mich mehrere Tage.

Ein aus kleinen Steinen gelegter Pfeil zeigt auf dem Wanderweg nach links.
Manchmal genügen ein paar Steine, um die Richtung zu zeigen.

Am vierten Tag fühlten sich meine Oberschenkel morgens so fest an, dass ich nur mühsam loskam. Dann sah ich vor mir einen Pilger, von dem schon in Saint-Jean erzählt worden war: einen Amerikaner, der mit einem Bein und auf Krücken nach Santiago unterwegs war.

Wir unterhielten uns kurz. Er kam aus San Francisco. Seine Entschlossenheit gab mir neuen Mut, und plötzlich empfand ich auch meine eigenen Schritte als leichter. Nach unserer Begegnung ging ich weiter. Wir sahen uns nicht wieder.

Unterwegs begegnete ich einer Yogalehrerin aus London und einem Biologiestudenten aus Greifswald. Beide liefen ebenfalls lange Etappen, und wir verbrachten einige Tage zusammen. Die Yogalehrerin sprach Spanisch; beim Zuhören versuchte ich, mich in die Sprache hineinzufinden. Später gelang mir das auch bei Gesprächen eines Belgiers und eines niederländischen Punks. Irgendwann verstand ich mehr, als ich anfangs erwartet hätte.

Es blieben auch die kleinen Dinge hängen. Ein Franzose empfahl gezuckerte Kondensmilch als Energiequelle. Ein Priester lieh sich mein sorgsam eingeteiltes Duschgel und gab die Flasche nahezu leer zurück. Nach einer Weile kaufte ich sogar Wasser zum Zähneputzen, weil mich der Chlorgeschmack aus dem Hahn so störte.

Ein schmaler Waldweg führt an einem alten Steingebäude mit Ziegeldach vorbei.
Ein schmaler Weg, ein altes Steingebäude und viel Grün.

Meine Füße machten zunehmend Probleme. Ich bekam Blasen, schließlich sogar unter bereits vorhandenen Blasen. Eine Krankenschwester kümmerte sich darum und riet mir zu einigen Tagen Pause. Ich wollte trotzdem weiter. Mein Ehrgeiz war damals größer als meine Bereitschaft, diesen Rat anzunehmen.

In León verließ ich den Camino Francés und nahm den Weg über Oviedo, um dort auf den Camino Primitivo zu wechseln. Ich wollte dem stärkeren Andrang vor Santiago ausweichen.

Auf diesem Abschnitt erlebte ich den Camino anders. Eine Gruppe von ungefähr 25 Menschen bildete für mich die kleine Gemeinschaft dieser Tage. Wir begegneten uns immer wieder; darüber hinaus sah ich kaum andere Pilger. Einige Herbergen wurden auf Spendenbasis betrieben. Diese ruhigere Strecke gehörte für mich zu den schönsten Teilen der Reise.

Eine gelbe Jakobsmuschel und ein Pfeil an einer Steinmauer markieren eine schmale, nasse Gasse.
Jakobsmuschel und gelber Pfeil in einer regenfeuchten Gasse.
Ein schräger Wegstein mit Jakobsmuschel und gelbem Pfeil steht vor weiten Berghängen.
Die vertrauten Wegzeichen begleiten mich auch durch die Berge.

Auf den letzten etwa fünfzig Kilometern kam ich wieder auf den Camino Francés. Plötzlich war es voll. Um Bekannte von den ersten Wochen wiederzufinden, lief ich sogar einen Tag entgegen der üblichen Richtung. In Ribadiso traf ich sie tatsächlich wieder. Der Student aus Greifswald hatte inzwischen weitere Deutsche kennengelernt, und gemeinsam gingen wir nach Santiago.

Dort lud mich eine ältere Dame überraschend zum Essen ein. Etwas ungläubig nahm ich an. Es gab Thunfischfrikadellen – in meiner heutigen Wahlheimat würde man wohl Thunfischpflanzerl dazu sagen. Anschließend sahen wir eine spanische Dokumentation. Ich verstand kein Wort.

Im Pilgerbüro sollte ich angeben, weshalb ich den Weg gegangen war. Nach der damaligen Auskunft hätte ich für eine rein sportlich motivierte Wanderung eine andere Bescheinigung erhalten. Die Compostela war an religiöse oder spirituelle Beweggründe geknüpft. Ich wollte die offizielle Urkunde und kreuzte entsprechend an. Das hinterließ bei mir einen schalen Beigeschmack: Meine Antwort richtete sich danach, welches Dokument ich bekommen wollte.

Viel länger als im Pilgerbüro hielt ich mich auf dem Platz vor der Kathedrale auf. Über drei Tage verteilt saß ich dort viele Stunden und beobachtete die Ankommenden. Menschen, denen die Freude über den geschafften Weg ins Gesicht geschrieben stand.

Ich fragte mich, ob Santiago eine der glücklichsten Städte der Welt sein könnte. Zumindest auf diesem Platz fühlte es sich für mich so an. Wie die Einheimischen den täglichen Pilgerstrom erlebten, war vermutlich eine andere Frage.

Am dritten Tag aßen wir noch beim traditionellen kostenlosen Pilgeressen im Hotel neben der Kathedrale. Danach legte ich mich für ein Nickerchen auf den Platz. Anschließend ging es weiter Richtung Finisterre.

Kaum hatten wir Santiago verlassen, begann es zu schütten. Wir fanden Schutz im Untergeschoss eines Rohbaus und verbrachten dort die Nacht. Der Regen blieb. In den folgenden zwei Tagen kam ich insgesamt gerade einmal etwa dreißig Kilometer voran.

Schließlich stand ich vor der Entscheidung: zurück nach Santiago oder weiter zum Meer? Am nächsten Morgen klarte der Himmel auf. Ich beschloss, Richtung Finisterre zu gehen, so weit ich an diesem Tag kommen würde.

Gemeinsam mit einem Wiener lief ich ungefähr 65 Kilometer in dreizehn Stunden. Den Leuchtturm erreichten wir kurz nach Sonnenuntergang. Himmel und Meer waren noch rot gefärbt. Die Sonne selbst hatten wir knapp verpasst.

Weil wir so spät keine Herberge mehr fanden, verbrachten wir die Nacht in einem Camp nahe dem Strand. Am folgenden Tag ging ich weiter nach Muxía. Meine letzte Nacht schlief ich auf einer Bank am Hafen. Am nächsten Morgen nahm ich den Bus zum Flughafen von Santiago.

Der Jakobsweg war eine wunderschöne Erfahrung. Noch einmal würde ich ihn wahrscheinlich trotzdem nicht gehen. Die vollen Abschnitte waren mir oft zu viel, und es gibt so viele andere Gegenden, die ich kennenlernen möchte.

Eine Frage nahm ich mit nach Hause: Ich war rund tausend Kilometer durch Spanien gewandert. Warum hatte ich mir für mein eigenes Land noch nie so viel Zeit genommen?

Danach wollte ich auch Deutschland zu Fuß kennenlernen.

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