Wirtschaft & Geld
Was ist der Zins?
Zeit, Sparen und Kapital: die österreichische Sicht und Keynes’ Gegenposition

Ein Handwerker will seine Werkstatt erweitern. Die neue Maschine muss er heute bezahlen, zusätzliche Einnahmen erwartet er erst in den kommenden Jahren. Gleichzeitig legt eine Angestellte Geld zurück. Sie möchte später davon leben können, aber auch für unerwartete Ausgaben gerüstet sein. Beide beschäftigen sich mit derselben Frage: Wie viel Gegenwart wollen sie für Zukunft aufgeben? Sobald ein Kredit oder eine verzinste Anlage ins Spiel kommt, erhält diese Frage eine Zahl: den Zinssatz.
Im Alltag begegnet uns der Zins als Kreditkosten oder als Ertrag einer Geldanlage. Doch damit ist noch nicht erklärt, warum er entsteht. Ludwig von Mises und John Maynard Keynes setzen an unterschiedlichen Punkten an: Mises bei der Bewertung von Gegenwart und Zukunft, Keynes bei der Entscheidung, Geld verfügbar zu halten oder sich davon zu trennen. Wer diesen Unterschied versteht, erkennt hinter der Prozentzahl zwei verschiedene Erklärungen wirtschaftlicher Entscheidungen.
Mises: Gegenwart und Zukunft haben unterschiedlichen Wert
Für Mises beruht der Zins auf der Zeitpräferenz: Eine frühere Bedürfnisbefriedigung wird unter sonst gleichen Bedingungen einer späteren vorgezogen. Das bedeutet weder, dass Menschen ihre Zukunft grundsätzlich vernachlässigen, noch dass sie zukünftige Verpflichtungen ablehnen. Sie wägen vielmehr ab, welche heutigen Möglichkeiten sie für spätere Vorteile aufgeben wollen.
Den daraus hervorgehenden Bewertungsunterschied bezeichnet Mises als Urzins. Dieser ist in seiner Theorie keine bloße Bankgebühr und auch nicht einfach die Belohnung für Sparsamkeit. Er zeigt sich darin, dass zukünftige Güter gegenüber vergleichbaren gegenwärtigen Gütern einen Abschlag erfahren. Mises will damit ein grundlegendes wirtschaftliches Verhältnis erklären, das über den Kreditvertrag hinausreicht. Seine Herleitung ist eine theoretische Position; sie sollte nicht als unstrittige Erklärung sämtlicher beobachteter Zinssätze ausgegeben werden. Mises, Human Action, Kapitel XIX, Abschnitte 1–2
Böhm-Bawerk: Warum produktive Umwege Zeit brauchen
Eugen von Böhm-Bawerk richtet den Blick auf den Aufbau der Produktion. Wer zunächst Werkzeuge oder Maschinen herstellt, kann damit später mehr Güter erzeugen als mit bloßen Händen. Solche „Produktionsumwege“ benötigen jedoch Vorleistungen und Zeit. Gemeint ist kein unnötiger Umweg, sondern die Herstellung von Hilfsmitteln, die eine leistungsfähigere Produktion ermöglichen. Daraus folgt allerdings nicht, dass jedes länger dauernde Verfahren wirtschaftlich überlegen wäre. Entscheidend bleibt, ob sein zusätzlicher Ertrag den Aufwand rechtfertigt. Böhm-Bawerk, The Positive Theory of Capital, Buch I, Kapitel II
Bei unserem Handwerker lässt sich das unmittelbar vorstellen: Er kann mit dem vorhandenen Werkzeug weiterarbeiten oder Arbeitszeit und Material in eine neue Vorrichtung stecken. Während des Umbaus fehlt ihm zunächst Zeit für Kundenaufträge. Später kann die Vorrichtung seine Arbeit erleichtern. Der erwartete Vorteil kommt also erst nach einem Zeitraum, den er wirtschaftlich überbrücken muss.
Böhm-Bawerk bezieht die technische Überlegenheit früher verfügbarer Produktionsmittel in seine Erklärung des Mehrwerts gegenwärtiger Güter ein. Wer heute über Mittel verfügt, kann früher mit ihrer produktiven Verwendung beginnen. Böhm-Bawerk, Buch V, Kapitel IV Mises setzt hier einen anderen Akzent: Höhere physische Produktivität allein erklärt für ihn noch keinen Zins. Sie kann bereits im Kaufpreis der Maschine berücksichtigt sein. Den Ursprung des Zinses sucht er deshalb in der Zeitbewertung. Auch innerhalb der österreichischen Schule besteht also keine völlig einheitliche Zinstheorie. Mises, Kapitel XIX, Abschnitt 2
Sparen bedeutet, die Wartezeit tragen zu können
Aus dieser Perspektive ist Kapitalbildung mehr als die Verfügbarkeit eines Geldbetrags. Während eine Maschine entsteht, müssen die beteiligten Menschen weiterhin leben; Material und bestehende Produktionsmittel werden ebenfalls benötigt. Böhm-Bawerk betont deshalb die Versorgung während der Wartezeit. Sie muss nicht vollständig als fertiger Vorrat bereitliegen. Auch laufende Produktionsprozesse, aus denen rechtzeitig Konsumgüter hervorgehen, können sie sichern. Erst diese Versorgung eröffnet den Spielraum, Arbeitskraft und andere Mittel auf Ergebnisse in fernerer Zukunft auszurichten. Böhm-Bawerk, Buch II, Kapitel III
Für die Werkstatt heißt das: Eine Kreditzusage regelt die Finanzierung. Gebaut wird die Maschine aber mit verfügbaren Bauteilen, Arbeitsstunden und Fachkenntnissen. Der österreichische Blick verbindet die Geldrechnung deshalb mit einer handfesten Frage: Welche heutigen Verwendungen werden zurückgestellt, damit dieses Zukunftsprojekt tatsächlich fertig werden kann? Sparen erhält damit eine Bedeutung für den zeitlichen Aufbau der Produktion, die über das persönliche Kontoguthaben hinausgeht.
Hayek: Der Zins hilft, Pläne aufeinander abzustimmen
Friedrich August von Hayek untersucht, wie Konsumwünsche und Produktionspläne zeitlich zusammenpassen. Wird freiwillig weniger konsumiert und mehr für Investitionen bereitgestellt, verändern sich die Nachfrage nach Konsum- und Produktionsgütern sowie deren relative Preise. In seinem Modell können ein niedrigerer Zins und veränderte Ertragsaussichten längere Produktionsverfahren ermöglichen. Der Zins ist dabei Teil eines Preissystems, über das sich die Pläne vieler Einzelner aufeinander abstimmen.
Hayek unterscheidet diesen Vorgang von einer Ausweitung des Kredits, der keine entsprechende freiwillige Verschiebung der Konsumwünsche gegenübersteht. Werden dadurch längerfristige Projekte angestoßen, können sie später mit dem weiterhin bestehenden Konsumbedarf um Mittel konkurrieren. Das ist der Kern seiner Erklärung möglicher Fehlkoordination. Es bedeutet nicht, dass jeder niedrige Zinssatz eine Fehlentwicklung beweist: Entscheidend ist, wodurch er zustande kommt und ob die begonnenen Vorhaben dauerhaft getragen werden können. Hayek, Prices and Production, Vorlesung II, Abschnitte 9–10, in der verlinkten Sammlung S. 237–243
Keynes: Auch wer spart, will beweglich bleiben
Keynes trennt zwei Entscheidungen. Zunächst entscheidet ein Mensch, wie viel seines Einkommens er konsumiert und wie viel er spart. Danach stellt sich die Frage, in welcher Form er das Ersparte halten möchte. Wer Bargeld zurücklegt, spart ebenfalls, erhält dafür aber noch keinen Zins. Allein der Verzicht auf Konsum erklärt den Zinsertrag daher für Keynes nicht.
Sein Schlüsselbegriff lautet Liquiditätspräferenz: der Wunsch, Vermögen in unmittelbar verfügbarer Geldform zu halten. Der Zins ist bei ihm die Vergütung dafür, diese Verfügbarkeit für einen Zeitraum aufzugeben. Seine Höhe ergibt sich in der dargestellten Theorie aus dem Zusammenspiel von Liquiditätspräferenz und verfügbarer Geldmenge. Steigt der Wunsch nach Geldhaltung bei unveränderter Geldmenge und sonst gleichen Bedingungen, entsteht Aufwärtsdruck auf den Zins. Ein niedriger Zins ist deshalb für sich genommen kein Beleg für besonders große Unsicherheit. Keynes, The General Theory, Kapitel 13
Liquidität erfüllt dabei mehrere Zwecke. Menschen und Unternehmen brauchen Geld für laufende Zahlungen, halten Reserven für Unvorhergesehenes und berücksichtigen ihre Erwartungen über künftige Zinsen und Wertpapierkurse. Geldhaltung ist in dieser Betrachtung eine bewusste wirtschaftliche Entscheidung. Wer beweglich bleibt, kann auf neue Umstände reagieren, nimmt dafür aber möglicherweise entgangene Erträge in Kauf. Keynes, Kapitel 15
Wo Keynes den Zusammenhang anders erklärt
Der Gegensatz wird beim Sparen besonders deutlich. Aus dem Entschluss eines Einzelnen, weniger zu konsumieren, folgt noch keine konkrete Bestellung einer Maschine. Auch der Kauf eines bereits bestehenden Wertpapiers ist nicht automatisch eine zusätzliche Produktionsanlage.
Keynes unterscheidet entsprechend zwischen der Geldanlage eines Einzelnen und der Investition der Gesamtwirtschaft. Sparen bezeichnet den nicht konsumierten Teil des Einkommens; reale Investitionen betreffen die Bildung von Kapitalgütern einschließlich Lagerbeständen. In seiner gesamtwirtschaftlichen Rechnung sind realisierte Ersparnis und Investition gleich groß. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder zusätzliche Sparwunsch unmittelbar eine gleich große geplante Investition auslöst. Die Anpassung kann über veränderte Einkommen und Produktion erfolgen. Keynes, Kapitel 7
Was der Zins über Investitionen verrät
Der Handwerker vergleicht die Kosten der Finanzierung mit den erwarteten Erträgen der Maschine. Steigt der Zins, wird die Hürde für das Vorhaben höher. Daraus folgt nicht, dass seine Geschäftsaussichten besser geworden wären. Möglicherweise erwartet er unverändert dieselben Einnahmen und verzichtet nun auf den Ausbau. Umgekehrt kann ein günstiger Kredit wenig helfen, wenn er keine zusätzlichen Aufträge erwartet.
Bei Keynes steht deshalb neben dem Zinssatz die erwartete Rentabilität einer zusätzlichen Investition. Er nennt sie die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals. Entscheidend sind die erwarteten zukünftigen Erträge im Verhältnis zu den Anschaffungskosten. Ein höherer Zins hebt die erforderliche Rentabilität an; er erzeugt diese Rentabilität nicht. Die Aussage, hohe Zinsen zeigten automatisch hohe Gewinnerwartungen oder große Investitionsbereitschaft, verwechselt somit eine Finanzierungshürde mit einer Geschäftschance. Keynes, Kapitel 11
Zwei Perspektiven auf dieselbe Entscheidung
Als Gegenüberstellung lässt sich der Unterschied so zuspitzen: Mises fragt nach dem Wert früherer gegenüber späterer Verfügung über Güter. Keynes fragt zusätzlich, weshalb Menschen ihr Vermögen gerade als Geld halten wollen und welche Vergütung sie zum Verzicht auf Liquidität bewegt. Die Ansätze setzen unterschiedliche Schwerpunkte und widersprechen einander in der Erklärung des Zinses. Sie lassen sich weder einfach gleichsetzen noch auf die Schlagworte „freier Markt“ und „staatliche Steuerung“ reduzieren. Böhm-Bawerk und Hayek ergänzen die österreichische Perspektive um die zeitliche Organisation der Produktion: Die Zukunft muss nicht nur finanziert, sondern mit realen Mitteln vorbereitet werden. Keynes betont dagegen, dass Sparwünsche und vorhandene Mittel noch keine ausreichende Investitionsnachfrage garantieren. So formuliert, wird der Streit konkreter: Unter welchen Bedingungen passen Konsumverzicht, Finanzierung und Produktionspläne tatsächlich zusammen?
Wer bezahlt den billigen Kredit?
An dieser Stelle bekommt der theoretische Streit eine unmittelbare soziale Bedeutung. Wird Nachfrage durch zusätzliche Geldschöpfung und Kredite angeheizt, ohne dass das Güterangebot entsprechend mitwächst, kann die vermeintliche Förderung der Wirtschaft mit Kaufkraftverlusten anderer Menschen verbunden sein. Mises betont, dass neues Geld nicht alle gleichzeitig erreicht. Frühe Empfänger können zusätzliche Käufe tätigen, bevor sich sämtliche Preise angepasst haben. Wer dagegen zunächst höhere Preise bezahlt und erst später oder gar nicht mehr Einkommen erhält, verliert realen Spielraum. In der österreichischen Kritik ist diese ungleiche Verteilung ein zentraler Einwand gegen inflationäre Geldpolitik. Mises, The Theory of Money and Credit, Teil II, Kapitel 12, Abschnitt 2
Für die Angestellte aus unserem Beispiel ist das keine abstrakte Frage. Bleibt ihr Gehalt hinter ihren Lebenshaltungskosten zurück, kann sie sich weniger leisten. Und wächst ihr Sparguthaben langsamer als die Preise, verliert auch ihre Vorsorge an Kaufkraft. Ein vereinfachtes Rechenbeispiel: Aus 10.000 Euro werden bei zwei Prozent Jahreszins 10.200 Euro. Steigen die Preise im selben Jahr um fünf Prozent, entspricht das nur noch rund 9.714 Euro in der Kaufkraft des Vorjahres. Trotz Zinsgutschrift beträgt der reale Verlust rund 286 Euro, vor Steuern und Gebühren. Die Zahlen sind illustrativ; der Zusammenhang folgt aus der inflationsbedingten Geldentwertung. EZB: Was ist Inflation?
Dabei verlieren nicht alle gleichermaßen. Unerwartete Inflation kann Schuldner mit fest vereinbarten nominalen Zahlungen auf Kosten ihrer Gläubiger begünstigen, weil der reale Wert der Rückzahlungen sinkt. Auch der Staat kann als Schuldner davon profitieren. Ob ein Haushalt insgesamt gewinnt oder verliert, hängt jedoch ebenso von Einkommen, Vermögen und Vertragsbedingungen ab. Gerade diese Unterschiede machen Inflation zu einer Verteilungsfrage. Mises, Teil II, Kapitel 12, Abschnitt 1
Diese Kritik lässt sich auf eine keynesianisch begründete Politik der Nachfragestimulierung beziehen, sobald sie inflationär wirkt. Sie ist aber kein Beweis dafür, dass jede solche Maßnahme zwangsläufig alle anderen ärmer macht. Keynes selbst unterscheidet zwischen ungenutzten Kapazitäten, bei denen zusätzliche Nachfrage mehr Produktion und Beschäftigung auslösen kann, und Engpässen, bei denen sie stärker in Preissteigerungen mündet. Preisauftrieb kann dabei bereits vor vollständiger Auslastung entstehen. Seine Zinstheorie allein ist daher noch kein Programm zur Geldentwertung. Keynes, The General Theory, Kapitel 21
Die österreichische Kritik stellt damit eine unbequeme Frage an jedes Versprechen billiger Finanzierung: Wer trägt den realen Aufwand? Soweit die Politik Preissteigerungen auslöst, die Löhne, Renten und Sparzinsen überholen, zahlen auch Menschen mit, die weder einen zusätzlichen Kredit aufgenommen noch dem Kaufkraftverlust zugestimmt haben. Für sie steht auf dem Konto vielleicht mehr Geld – und trotzdem reicht es für weniger Leben.
Quellenhinweis: Verlinkt sind englische Fassungen der Originalwerke von Eugen von Böhm-Bawerk (The Positive Theory of Capital, englische Ausgabe 1891), Ludwig von Mises (Human Action, 1949, und The Theory of Money and Credit, zuerst deutsch 1912), Friedrich August von Hayek (Prices and Production, 1931, überarbeitete Ausgabe 1935, hier in einer späteren Werksammlung) und John Maynard Keynes (The General Theory of Employment, Interest and Money, 1936). Ergänzend wird die Inflationserklärung der Europäischen Zentralbank herangezogen. Die Darstellung ist eine deutschsprachige Zusammenfassung und Einordnung, keine wörtliche Übersetzung. Das Werkstattbeispiel ist ein illustratives Beispiel, kein dokumentierter Fall.
Keine Finanzberatung.
Quellen und weiterführende Hinweise
- Mises, Human Action, Kapitel XIX, Abschnitte 1–2
- Böhm-Bawerk, The Positive Theory of Capital, Buch I, Kapitel II
- Böhm-Bawerk, Buch V, Kapitel IV
- Böhm-Bawerk, Buch II, Kapitel III
- Hayek, Prices and Production, Vorlesung II, Abschnitte 9–10, in der verlinkten Sammlung S. 237–243
- Keynes, The General Theory, Kapitel 13
- Keynes, Kapitel 15
- Keynes, Kapitel 7
- Keynes, Kapitel 11
- Mises, The Theory of Money and Credit, Teil II, Kapitel 12, Abschnitt 2
- EZB: Was ist Inflation?
- Keynes, The General Theory, Kapitel 21